Herbstgedichte
Herbstimpressionen
Herbsttag
Herr: es ist Zeit. Der Sommer war sehr groß.
Leg deinen Schatten auf die Sonnenuhren,
und auf den Fluren laß die Winde los.
Befiehl den letzten Früchten voll zu sein;
gib ihnen noch zwei südlichere Tage,
dränge sie zur Vollendung hin und jage
die letzte Süße in den schweren Wein.
Wer jetzt kein Haus hat, baut sich keines mehr.
Wer jetzt allein ist, wird es lange bleiben,
wird wachen, lesen, lange Briefe schreiben
und wird in den Alleen hin und her
unruhig wandern, wenn die Blätter treiben.
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Rainer Maria Rilke wurde am 4. Dezember 1875 in Prag geboren. Sein Vater war Angestellter einer Eisenbahngesellschaft. Seine Mutter behandelte den Sohn bis zu seinem sechsten Lebensjahr als Mädchen (René). Sein Vater schickte ihn mit elf Jahren zur Militärschule. Die Militärjahre waren für ihn ein Alptraum und ein "undurchdringliches Verhängnis". 1891 lernte er in der Handelsakademie in Linz. 1895 machte er sein Abitur in Prag als sogenannter privater Schüler. Die Auseinandersetzung mit der Kindheit beschäftigte Rilke sein ganzes Leben. Seine wichtigsten Werke sind u.a.: Larenopfer, 1895; Traumgekrönt, 1896; Advent, 1897; Die Weise von Liebe und Tod des Cornets Christoph Rilke, 1906; Das Buch der Bilder, 1906; Neue Gedichte, 1907; Requiem, 1909; Die Sonette an Orpheus, 1923. Rilke starb am 29. Dezember 1926 in Valmont sur Territet (Schweiz).
Abend in Skåne
Herbstimpressionen
Der Park ist hoch. Und wie aus einem Haus
tret ich aus seiner Dämmerung heraus
in Ebene und Abend. In den Wind,
denselben Wind, den auch die Wolken fühlen,
die hellen Flüsse und die Flügelmühlen,
die langsam mahlend stehn am Himmelsrand.
Jetzt bin auch ich ein Ding in seiner Hand,
das kleinste unter diesen Himmeln. - Schau:
Ist das Ein Himmel?:
Selig lichtes Blau,
in das sich immer reinere Wolken drängen,
und drunter alle Weiß in Obergängen,
und drüber jenes dünne, große Grau,
warmwallend wie auf roter Untermalung,
und über allem diese stille Strahlung
sinkender Sonne.
Wunderlicher Bau,
in sich bewegt und von sich selbst gehalten,
Gestalten bildend, Riesenflügel, Falten
und Hochgebirge vor den ersten Sternen
und plötzlich, da: ein Tor in solche Fernen,
wie sie vielleicht nur Vögel kennen . . .
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Die Blätter fallen
Die Blätter fallen, fallen wie von weit,
als welkten in den Himmeln ferne Gärten;
sie fallen mit verneinender Gebärde.
Und in den Nächten fällt die schwere Erde
aus allen Sternen in die Einsamkeit.
Wir alle fallen. Diese Hand da fällt.
Und sieh dir andre an: es ist in allen.
Und doch ist Einer, welcher dieses Fallen
unendlich sanft in seinen Händen hält.
Rainer Maria Rilke (1875 - 1926)
Abendphantasie
Vor seiner Hütte ruhig im Schatten sitzt
der Pflüger; dem Genügsamen raucht sein Herd.
Gastfreundlich tönt dem Wanderer im
friedlichen Dorfe die Abendglocke.
Wohl kehren jetzt die Schiffer zum Hafen auch,
in fernen Städten, fröhlich verrauscht des Markts
geschäft'ger Lärm; in stiller Laube
glänzt das gesellige Mahl den Freunden.
Wohin denn ich? Es leben die Sterblichen
von Lohn und Arbeit; wechselnd in Müh und Ruh
ist alles freudig; warum schläft denn
nimmer nur mir in der Brust der Stachel?
Am Abendhimmel blühet ein Frühling auf;
unzählig blühn die Rosen und ruhig scheint
die goldne Welt; o dorthin nehmt mich,
Purpurne Wolken! und möge droben
in Licht und Luft zerrinnen mir Lieb und Leid! -
Doch, wie verscheucht von törichter Bitte, flieht
der Zauber; dunkel wird's und einsam
unter dem Himmel, wie immer, bin ich -
Komm du nun, sanfter Schlummer! zu viel begehrt
das Herz; doch endlich, Jugend! verglühst du ja,
du ruhelose, träumerische!
Friedlich und heiter ist dann das Alter.
Geh unter, schöne Sonne, sie achteten
nur wenig dein, sie kannten dich, Heil'ge, nicht,
denn mühelos und stille bist du
über den Mühsamen aufgegangen.
Mir gehst du freundlich unter und auf, o Licht!
und wohl erkennt mein Auge dich, Herrliches!
Denn göttlich stille ehren lernt ich,
da Diotima den Sinn mir heilte.
Oh du, des Himmels Botin! wie lauscht ich dir!
Dir, Diotima! Liebe! wie sah von dir
zum goldnen Tage dies Auge
glänzend und dankend empor. Da rauschten
lebendiger die Quellen, es atmeten
der dunkeln Erde Blüten mich liebend an,
und lächelnd über Silberwolken
neigte sich segnend herab der Äther.
Friedrich Hölderlin (1770 - 1843)
Herbstgedicht
Herbstimpressionen
Greetsiel (Ostfriesland)
Nun laß den Sommer gehen,
laß Sturm und Winde wehen.
Bleibt diese Rose mein,
wie könnt ich traurig sein?
Joseph Freiherr von Eichendorff (1788 - 1857)
Herbst
Herbstimpressionen
...ein verspäteter Storch bei einer Rast....
Astern blühen schon im Garten,
schwächer trifft der Sonnernstrahl.
Blumen, die den Tod erwarten
durch des Frostes Henkerbeil.
...Herbstes Freuden, Herbstes Trauer,
welke Rosen, reife Frucht.
Detlev von Liliencron (1844 - 1909)
Herbsttag
Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah!
Die Luft ist still, als atmete man kaum,
Und dennoch fallen raschelnd, fern und nah,
Die schönsten Früchte ab von jedem Baum.
Oh stört sie nicht, die Feier der Natur!
Dies ist die Lese, die sie selber hält,
Denn heute löst sich von den Zweigen nur,
Was von dem milden Strahl der Sonne fällt.
Christian Friedrich Hebbel (1813 - 1863)
Die Malve
Wieder hab ich dich gesehen
blasse Malve! Blühst du schon?
Ja, mich traf ein schaurig Wehen
All mein Frühling welkt davon
Bist du doch des Herbstes Rose
der gesunkenen Sonne Kind
bist du starre, düftelose
deren Blüten keine sind.
Ludwig Uhland (1787 - 1847)
Septembermorgen
Herbstimpressionen
...in der Toscana
Im Nebel ruhet noch die Welt,
Noch träumen Wald und Wiesen:
Bald siehst du, wenn der Schleier fällt,
Den blauen Himmel unverstellt,
Herbstkräftig die gedämpfte Welt
In warmem Golde fließen.
Eduard Mörike (1804 - 1875)
Der Herbstwind
Herbstimpressionen
Herbstzeit
Der Herbstwind rüttelt die Bäume,
die Nacht ist feucht und kalt;
gehüllt im grauen Mantel,
reite ich einsam im Wald.
Und wie ich reite, so reiten
mir die Gedanken voraus;
sie tragen mich leicht und luftig
nach meiner Liebsten Haus.
Die Hunde bellen, die Diener
erscheinen mit Kerzengeflirr;
die Wendeltreppe stürm ich
hinauf mit Sporengeklirr.
Im leuchtenden Teppichgemache,
da ist es so duftig und warm,
da harret meiner die Holde -
ich fliege in ihren Arm.
Es säuselt der Wind in den Blättern,
es spricht der Eichenbaum:
was willst du, törichter Reiter,
mit deinem törichten Traum?
Heinrich Heine (1797 - 1856)
Der Herbst
Rings ein Verstummen, ein Entfärben:
wie sanft den Wald die Lüfte streicheln,
sein welkes Laub ihm abzuschmeicheln;
ich liebe dieses milde Sterben.
Von hinnen geht die stille Reise,
die Zeit der Liebe ist verklungen,
die Vögel haben ausgesungen,
und dürre Blätter sinken leise.
Die Vögel zogen nach dem Süden,
aus dem Verfall des Laubes tauchen
die Nester, die nicht Schutz mehr brauchen,
die Blätter fallen stets, die müden.
In dieses Waldes leisem Rauschen
ist mir als hör' ich Kunde wehen,
daß alles Sterben und Vergehen
nur heimlich still vergnügtes Tauschen.
Nikolaus Lenau (1802 - 1850)
Und wenn wir die ganze Welt durchreisen, um das Schöne zu finden: Wir mögen es in uns tragen, sonst finden wir es nicht.
Ralph Waldo Emerin, amerikanischer Philosoph (1803 - 1882)
Herbstimpressionen
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